Musik ist Sprache, Sprache ist Musik

DAN MOI Clemens Voigt & Sven Otto GbR
Musik ist Sprache, Sprache ist Musik - Musik ist Sprache, Sprache ist Musik - Eine Woche auf dem Marranzano World Fest in Catania/Sizilien

Eine Woche auf dem Marranzano World Fest in Catania/Sizilien

Ich hatte mir die erste, seit meiner Jugend ersehnte Reise nach Sizilien anders vorgestellt. Ganz klassisch, Urlaub mit Partnerin, Kindern und/oder Freunden.

Doch ist es jetzt ganz anders gekommen. Nun bringt mich die Musik das erste Mal auf diese Insel voller Mythen und Kultur... 

Als mich mein Kollege Oli bei Dan Moi vor gut einem Monat auf das diesjährige Marranzano Musikfestival in Catania aufmerksam machte um dieses auf den sozialen Kanälen zu verfolgen und eventuell auf dem eigenen Kanal zu bewerben, erfasste mich eine stille Sehnsucht. 

Sehnsucht nach vielem, das in Zeiten der Pandemie gefühlt verloren gegangen ist- mediterraner kollektiver Leichtigkeit, Gemeinschaft, Diversität, das Gefühl der Unbeschwertheit und der Freiheit sich wieder auf Reisen, unter Menschen, in die weite Welt zu begeben.

Sehnsucht auf Sizilien, seine Geschichte und Kultur. 

So saß ich eine Woche später im Flugzeug, eine Stunde von Catania entfernt, voller Vorfreude und Neugierde auf Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen rund um das Festival in Catania und die Impressionen die Land und Leute bei mir hinterlassen würden. 

Das diesjährige Marranzano World Fest in Catania, das jährlich ehrenamtlich von einem Team um den Musiker und Musikethnologen Luca Recupero organisiert und veranstaltet wird, konnte letztes Jahr, wegen der Pandemie-bedingten Beschränkungen nicht ausgerichtet werden.

Dieses Jahr gelang es dem Team wieder eine Edition, die 12., auf die Beine zu stellen. Auswirkungen auf die Veranstaltungen waren dennoch nicht zu übersehen. Das Programm war schlank, die Gäste aus dem Ausland eher eine Ausnahme und die meisten Veranstaltungen und Workshops wurden ausschließlich in italienischer Sprache abgehalten. Der Hauptaustragungsort musste ins „Anfiteatro Turi Ferro“ nach Gravina di Catania verlegt werden. Dieses bietet zwar eine spektakuläre Kulisse, den rauchenden Ätna im Hintergrund, erfordert aber eine halbstündige Fahrt von Catania, was für manch potentiellen BesucherIn eine Hürde darstellte.

Das Vorprogramm wurde auf kleineren Plätzen rund um das Castello Ursino in Catania´s Altstadt abgehalten, die mit seinen belebten, Lavastein-gepflasterten Straßen und der barocken Architektur, eine stimmungsvolle und lebendige Bühne bot.

Ich stürzte mich ins Geschehen rund um Musik, Gesang und Erzählkunst.

Musik ist Sprache, Sprache ist Musik.

Ein musikphilosophisches Thema, das bereits Nietzsche ausgiebig in Anspruch genommen hat.

Beide sind oft eng verknüpft, kommen auch alleine aus, ergänzen, verstärken, begleiten sich.

Das war praktisch auch das diesjährige Motto des Festivals: Die Erforschung der Grenzen zwischen Wort und Musik. Wo und wann wird das gesprochene Wort zur Musik? Die Suche begann beim traditionellen sizilianischen Gesang, dem Cuntu und folgte den verschiedenen Formen der Erzählkunst, dem Cantu, bis hin zu den neuesten Jugendtrends und der Welt des Rap und  Hip Hop.

Das Festival-Wochenende wurde eine Woche vorher von verschiedenen kleineren Veranstaltungen, Vorträgen und Workshops eingeleitet, die Interessierten die Möglichkeit bot, sich spielerisch musiktheoretisch dem diesjährigen Motto zu nähern.

Dabei wechselten sich theoretische Veranstaltungen und musikalische Aufführungen gelungen ab.

Theorien wurden erörtert, Bücher vorgestellt, Geschichten erzählt, Texte kraftvoll rezitiert, Puppen tanzen gelassen, die auf Sizilien traditionelle Maultrommel gespielt, musiziert und gesungen.

Bei einem Gespräch mit der sizilianischen Sängerin Simona Di Gregorio  wurden mir nochmal die vielfältigen Einflüsse auf die sizilianische Musik deutlich. Griechische, romanische, arabische, iberische und normannische Elemente und Instrumente sind Teil der Inspiration und Tradition heimischer Musik. 

Dabei sind starke Emotionen wie Liebe, Hass, Eifersucht, Trauer und Ungerechtigkeit die wichtigsten Motive, mit denen sich der sizilianische Volksgesang auseinander setzt. Sie ist voller Kontraste und Melancholie.

Begleitet werden die Lieder oft von einfachen Instrumenten wie der scacciapensieri,  der Maultrommel die auf Sizilien marranzanu genannt wird, verschiedenen Rahmentrommeln, dem friscalettu, einer kleinen Flöte aus Bambus oder Schilf und der ciaramedda, einer Art Dudelsack.

Weitere Begleitinstrumente in der sizilianischen Volksmusik sind die Gitarre, die Mandoline und das Akkordeon.

Dabei ist mir aufgefallen, dass traditionelle Musik, zumindest auf Sizilien, kein Genre ist indem sich nur ältere Künstler wohl fühlen, sondern die Tradition vom musikalischen Nachwuchs dankbar und kreativ aufgegriffen und weiterentwickelt wird. In diesem Prozess wurde für den ZuschauerIn und ZuhörerIn ganz deutlich, wie sich angelehnt an traditionelle Musik und traditionelle Instrumente moderne Musik erschaffen lässt.

Am eindrucksvollsten ist mir dies persönlich beim Maultrommelvirtuosen Aron Szilagyi aufgefallen, dessen Maultrommelstücke, elektronisch verstärkt und bearbeitet, an Synthesizer-Musik, Techno, Acid, Synth erinnern.

Oder die unvorstellbaren Töne und Rhythmen die Gábor Kovács mit einer kleinen, ungarischen Hirtenflöte zauberte, die mir eine vierminütige, pulsierende Gänsehaut bescherten.

In einer Zeit der extremen technischen Reproduzierbarkeit, in der Musik gefühlt inflationär und ständig verfügbar ist und oft ersetzbar und uniform anmutet, war es eine erfrischende und belebende Erfahrung zu erleben, wie Menschen verschiedenster Altersgruppen, Herkunft und Geschichte, spontan und mit so viel Freude, so unterschiedliche und lebendige Musik produzieren.

Musik berührt- was die vielen „Gänsehaut“-Momente während dieser musikalischen Woche erklärt.

Musik ist Ausdruck- kritisch und provozierend, wie uns die jungen Hip-Hop-Musiker und Rapper wortgewandt und rhythmisch, zur Begeisterung hunderter junger ZuhörerInnen, vorgeführt haben.

Im Alltag erlebe ich oft, wie Musik zur Abgrenzung dient, Menschen die mit Kopfhörern durch den Tag laufen, akustisch abgeschirmt und in ihrer Welt verweilend. In Catania habe ich genau das Gegenteil erlebt.

Musik verbindet, ist eine universelle Sprache, die Menschen aus den verschiedensten Ländern und Altersgruppen und mit verschiedenen musikalischem und kulturellem Hintergrund innerhalb weniger Tage, zu einer facettenreichen, musikalischen Einheit werden ließ.

Das wurde auch beim Abschluss deutlich, als Gruppen aus Ungarn (Zajnal), Serbien (Kurtautca) und Sizilien (Jacarànda), die im Rahmen des von der EU geförderten TREMOLO Projektes, dass den multikulturellen Austausch sowie das gegenseitige Verständnis und die Integration verschiedener Kulturen fördert, nach nur wenigen gemeinsamen Proben ein wundervolles Konzert darboten.

Ein gemeinsames, europäisches Kulturerbe, das sich in seiner Vielfalt nun schon seit über zwei Jahrtausenden sich gegenseitig inspiriert und befruchtet.

In der Tat: Musik ist Sprache, Sprache ist Musik.

Lasst uns im Gespräch bleiben.

Danke, dass die Reise so spontan und unkompliziert möglich war, Danke für die sizilianische Gastfreundschaft, für die Organisation des Festivals und an alle teilnehmenden KünstlerInnen für ihren Beitrag. :)

Fotos: © Emmanuel Poulakis und www.marranzanoworldfest.org, 2021