Maultrommelgeschichten aus Norwegen, Teil I: Die Bedeutung des Setesdal für die Wiederbelebung der Munnharpe

DAN MOI Clemens Voigt & Sven Otto GbR
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Norwegens Maultrommel-Szene belebte sich Anfang bis Mitte der 1990er Jahre in verschiedenen Regionen Norwegens wieder. Nach vielen Jahren im Verborgenen entdeckte plötzlich eine junge Generation ihr Interesse an der Munnharpa (Maultrommel). Ausgegangen ist dieses Revival von der Region Setesdal in Südnorwegen. Dort gewann die Maultrommel bereits in den 1980er Jahren wieder an Aufmerksamkeit. Einige Protagonisten beschäftigten sich eingehend mit der Spieltechnik und mit dem Repertoire. Das Instrument gewann an Prestige und Ansehen. Der neuerliche Aufschwung erreichte mehrere Regionen im Süden Norwegens, wie die Provinzen Telemark, Valdres, Hallingdal und Gudbrandsdalen.

Schon in den 1960er Jahren ergriffen Aktivisten der norwegischen Folkinstitutionen erstmals die Initiative, dem Vergessen wie man Maultrommeln spielt und wie die Instrumente gebaut werden, entgegenzuwirken. Der Musikwissenschaftler und damalige Leiter des Norwegischen Folk Museums Reidar Sevåg regte den Nachbau von alten Maultrommeln an. Es entstanden hunderte Instrumente nach dem Vorbild historischer Maultrommeln. Sie sollten einen warmen Klang haben und Töne produzieren, die lange nachklingen – so zumindest stellte man sich den Klang der "alten" norwegischen Maultrommel damals vor. Der kurze Dokumentarfilm "Munnharpa" aus den 1960er Jahren dokumentiert, wie diese Maultrommeln Schritt für Schritt hergestellt wurden. Noch in den 1980er Jahren war es schwierig norwegische Maultrommeln zu kaufen, auf welchen man die alten Melodien spielen konnte. So kehrte man zurück zu den traditionellen Herstellungstechniken und begann sich eingehend mit dem Musikinstrument zu beschäftigen, um die alten Melodien auch in der Gegenwart noch spielen zu können. Heute gibt es wieder eine lebendige und vielfältige Kultur des Maultrommelschmiedens in Norwegen. Der norwegische Maultrommelfachmann Bernhard Folkestad hat einige dieser Modelle mit Holzschatulle gesammelt.

Laut dem Archäologen Gjermund Kolltveit wurden Maultrommeln bereits seit dem Mittelalter in Norwegen gespielt. Die meisten, z.T. auch schriftlichen Nachweise für die Verwendung von Maultrommeln, die bisher bekannt sind, gehen zurück bis ins 18. Jahrhundert. Jedoch bleibt den Volksmusik-Forscherinnen und Forschern in Norwegen oft nichts weiter übrig als die Tatsache anzuerkennen, dass die Quellen und die Informationen, die man über die Geschichte der norwegischen Munnharpe heute findet, spärlich sind. Ihre Geschichte liegt selbst in jenen Regionen im Dunkeln, die heute wieder über eine lebendige Maultrommel-Landschaft verfügen. Über die genaueren Umstände einer früheren Kultur des Maultrommelspielens ist daher nicht viel bekannt.

Fille-vern - gamle og nye mestere i norsk munnharpetradisjon

Eine beeindruckende Bestandsaufnahme über die Facetten des Munnharpe-Spielens in Norwegen ist mit der CD "Fille-Vern. Gamle og nye mestre i norsk munnharpetradisjon" gelungen. Die erste der beiden CDs veröffentlicht Archiv-Material des Norwegischen Rundfunks. Die früheste Aufnahme stammt aus dem Jahr 1937, die jüngste aus den 1970er Jahren. Zu den Tänzen und Liedern findet man viele Hintergrundinformationen und zusätzlich auch einige Transkriptionen. Diese CD regt dazu an, die alten Lieder nachzuspielen und Impulse für das eigene Spiel auf der Maultrommel zu gewinnen. Svein Westad ist heute einer der bekanntesten Maultrommelspieler und -aktivisten Norwegens, im Vorwort zur CD schreibt er: "Ich habe die Munnharpe in den 1980er Jahren für mich entdeckt. Ich habe zunächst auf einer österreichischen Maultrommel rumgespielt. Die Begeisterung für das Instrument ist bei mir aber erst so richtig ausgebrochen, als ich eine Radiosendung über Folk-Musikinstrumente von dem norwegischen Musikwissenschaftler Reidar Sevag hörte. Ich war total verblüfft, als ich den Maultrommelspieler Mikkjel Kavenes das Stück ‚Fille-Vern‘ spielen hören habe." Mikkjel Kavenes (1872-1939) lebte im Setesdal im Süden von Norwegen. Er soll nicht nur ein ausgezeichneter Maultrommelspieler, sondern auch ein guter Schmied gewesen sein. Von ihm können die Aufnahmen einiger Maultrommel-Stücke aus dem Jahr 1938 auf der CD nachgehört werden.

Im Setesdal gibt es bereits eine lange, ungebrochene Tradition des Maultrommelspielens. Auf "Fille-Vern" sind weitere Maultrommelspieler und Maultrommelschmiede aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Einige von ihnen wie Andreas Rysstad und Knut Brokke sind mit Tonaufnahmen auf der CD vertreten. Viele der Stücke wurden von Fiddelmelodien adaptiert. Gleichzeitig gehen auch viele Maultrommelmelodien auf das sogenannte "tralling" zurück. "Tralling" (oder auch "trulling") ist eine Form des Gesangs auf Silben, die keinen Sinn ergeben. Man kann es mit dem freien "Trällern" einer Melodie vergleichen.

Bjørgulv Straume - Maultrommelschmied

Einer der bekanntesten Setesdaler Träger der Maultrommeltradition ist Bjørgulv Straume. Aus der Werkstatt von Straume kommen nicht nur gute Maultrommeln, Straume ist auch ein guter Musiker, wie man auf "Fille-Vern" und auf der CD "Hrynhent" hören kann, die Straume mit dem Pianisten Øystein Kikut aufgenommen hat.


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