Die Maultrommel in Thüringen: zu Besuch in der Werkstatt von Andreas Schlütter

DAN MOI Clemens Voigt & Sven Otto GbR
Die Maultrommel in Thüringen: zu Besuch in der Werkstatt von Andreas Schlütter -

Die steilen Holztreppen hinauf in das Musizier- und Arbeitszimmer von Andreas Schlütter sind schon viele Maultrommelspieler gestiegen, darunter Anton Bruhin, aber auch Clemens Vogt und Sven „Roxy“ Otto von DAN MOI. An den Wänden stehen und hängen Dudelsack, Trommel und Flöte – alle Instrumente werden auch noch gespielt, verrät Andreas Schlütter (AS), denn die Thüringischen Spielleut haben hier ihren Probenraum. Helen Hahmann (HH) traf den Instrumentenbauer und Musiker an einem Winternachmittag in Zella-Mehlis, besuchte seine Werkstatt und fragte nach den Spuren des Maultrommelspielens in Thüringen.

AS: Wir haben uns schon lange mit Alter Musik beschäftigt. Mein Vater hat damit angefangen. Wir wohnten im Heimatmuseum Zella-Mehlis und dort haben wir viele alte Sachen gefunden. Ganz zu erst fanden wir u.a. auch Maultrommeln, nur wussten wir damals nicht, dass es Maultrommeln waren.

HH: Sie wussten zunächst also gar nicht, wozu diese kleinen Gegenstände überhaupt gebraucht wurden. Wie haben Sie es herausgefunden?

AS: Wir haben bei einem Musikgroßhändler nach dem Krieg das Lager ausräumen dürfen, um zu schauen, ob wir etwas für das Heimatmuseum verwenden konnten. Da waren so komische Drahthaken dabei, keine Ahnung was das war. Eigenartige Teile. In der Mitte noch eine Feder. Ich war damals noch ganz klein. Mein Vater hat das Heimatmuseum mit aufgebaut. Wir haben gesagt, „wir legen die Sachen in die Vitrine, schreiben aber nix dazu. Da kann man nix falsch machen.“ Dann kam mal einer von Arnstadt, ein Musikethnograf, der sagte, „ach, Maultrommeln habt ihr auch!“ „Ja“, hat der Vater gesagt, „natürlich haben wir auch Maultrommeln“ und dann wussten wir schon mal, was es war. Und dann haben wir recherchiert, wo sind die Dinger her. Wahrscheinlich hier aus dem Schmalkaldener Raum, aber woher genau, das weiß kein Mensch. Das waren aber die ersten Maultrommeln, die wir hatten.

HH: Wahrscheinlich konnte man die alten Maultrommeln, die Sie damals im Museum hatten, gar nicht mehr richtig spielen. In der DDR waren Maultrommeln völlig in Vergessenheit geraten und man konnte nicht einfach ein paar neue Instrumente kaufen. Eigentlich eine ziemlich schwierige Ausgangssituation. Wie ist ihr Vater dennoch Maultrommelschmied geworden?

AS: Mein Vater hat sich erst einmal genauer erkundigt. Was ist überhaupt eine Maultrommel? Was kann man damit machen? Gibt es verschiedene Maultrommeln? Im Katalog gab es große, mittelgroße und kleine. So haben wir herausgefunden, dass die Maultrommel ein uraltes Musikinstrument war, das es früher ganz oft gegeben hat. Nur in der DDR gab es nirgendwo welche zu kaufen. Mein Vater hat dann angefangen welche zu bauen. Er hat sich natürlich vorgestellt, dass früher ohne Mikrophone in den Gaststätten Musik gemacht wurde. Wenn dort mehrere Instrumente gespielt haben und sich außerdem noch ein paar Leute unterhalten haben, dann konnte sich die Maultrommel gar nicht durchsetzen. Also, haben wir gedacht, muss das Instrument lauter gewesen sein, kräftiger. Er hat dann rausgefunden, dass es bekannte Maultrommelspieler gegeben hat, die einfach besser gespielt haben. Es hat einige Jahre gedauert, bis die ersten, selbst hergestellten Instrumente relativ gut waren.

HH: Sie hatten damals niemanden, der Ihnen zeigen konnte, wie man Maultrommeln baut und haben alles selbst herausgefunden und ausprobiert.

AS: Ja, wir mussten wirklich wieder bei Null anfangen. Ins Museum gehen, forschen, Leute fragen. Der Volkskundler Ernst Stahl hat uns damals sehr geholfen. Durch ihn sind wir drauf gekommen, dass es Maultrommeln mal gab. Daraufhin hat sich mein Vater mit den Musikinstrumenten selbstständig gemacht und angefangen Maultrommeln anzufertigen. Seit 1973 bauen wir nun Maultrommeln in Zella-Mehlis.

HH: In der DDR waren Sie damit die einzigen Maultrommelhersteller.

AS: Ja. In Berlin gab es ein Amt für Preisgestaltung. Die haben festgelegt, was wir dafür verlangen dürfen und an wen wir verkaufen dürfen. Wir durften nur an ein einziges Musikgeschäft verkaufen und das befand sich zehn Kilometer südlich von Zella-Mehlis in Suhl. Man hat festgestellt, dass es Maultrommeln im Westen schon gibt. Die waren dort viel besser verpackt und viel bunter. Das war also für den Export nicht geeignet, man konnte keine Devisen damit einnehmen. Wir haben auch keine Anerkennung bekommen als Kunsthandwerk. Deshalb haben wir das im kleinen Format weitergemacht. Nur die Maultrommelspieler, die zu uns gekommen sind, die haben festgestellt, dass die Instrumente richtig gut gehen. Nach der Wende dann haben wir uns ins Auto gesetzt und haben unsere Maultrommeln verschiedenen Geschäften angeboten und da war die Reaktion durch die Bank weg positiv.

Maultrommeln aus der 2. Hälfte des 19. Jh., Kleinschmalkalden.

HH: Wir sprechen hier schon über die jüngste Geschichte der Maultrommel in Thüringen. Im Buch von Michael Wright wird spekuliert, dass die Maultrommeln, die im 12. und 13. Jahrhundert nach England exportiert wurden, ev. aus dieser Gegend hier, also aus Thüringen gekommen sein könnten.

AS: Wir haben festgestellt, dass es weltweit drei große Zentren gab, die Maultrommeln hergestellt haben: Molln in Österreich, Oberitalien und im Kreis Schmalkalden. In Klein-Schmalkalden gab es Maultrommelschmiede und -werkstätten. In der Heimatstube gibt es noch Reste von originalen Maultrommeln. Die Gebäude mit den Werkstätten wurden leider alle abgerissen. Die Maultrommelschmiede in Klein-Schmalkalden waren meistens Schlosser, die auch Türen und Beschläge gemacht haben. Ein Dokument aus dem 17. Jahrhundert bescheinigt den Tod eines Maultrommelschmieds aus Bad-Salzungen. Damit ist belegt, dass es zu jener Zeit den Beruf schon als eigenständiges Handwerk gab.

HH: Warum gab es die Schmiede gerade in dieser Gegend in Thüringen?

AS: Die Region war für seine Metallbearbeitung bekannt. Es gab auch Bergbau. Das Eisen, was man fand, war gut geeignet zum Schmieden, es eignete sich nicht so gut zum Gießen. Deshalb gab es hier viele Hersteller von kleinen Eisenwaren, die Messer, Dolche, Federn und eben auch Maultrommeln gebaut haben.

HH: Gibt es charakteristische Elemente im Maultrommelbau, die Sie für die Region in Thüringen ausmachen?

AS: Die Bügelform, so wie ich sie heute auch noch herstelle, ist für diese Region charakteristisch. Aber dennoch hat jeder Schmied sein eigenes Verfahren, wie er die Feder befestigt. So ist es ja bei den Maultrommelschmieden heute auch noch. Es gibt insgesamt nicht so viele Leute, die Maultrommeln bauen. Aber jeder baut seine eigene Form und seinen eigenen Stil. Das war damals genauso.

HH: Nun begleitet Sie die Maultrommel schon ihr ganzes Leben lang. Was macht denn für Sie den Zauber um die Maultrommel aus?

AS: Das Schönste an der Maultrommel ist, dass es nur ein halbes Instrument ist. Die Feder schwingt und die Mundhöhle ist der Resonanzraum. Und weil jede Mundhöhle ein bisschen anders gebaut ist, hat auch jede Maultrommel einen anderen Klang. Die selbe Maultrommel klingt bei verschiedenen Leuten immer auch anders. Maultrommelspielen ist also eine Mischung aus der Person und dem Instrument. Nur wenn beides gut harmoniert, wenn man sich gut mit der Maultrommel versteht, dann klingt es gut.

Eine Spezialität von Andreas Schlütter ist die Kombination mehrerer Maultrommeln und damit mehrerer Töne. Oft werden drei Maultrommeln, die im Dreiklang zueinander gestimmt sind, mit einer Metallklammer zu einem Set zusammengeschraubt:

HH: In den vergangenen Jahren fand eine starke Vernetzung in der internationalen Maultrommelszene statt. Es gibt inzwischen regelmäßig Festivals in Taucha bei Leipzig, aber auch in Norwegen, Estland, Russland, USA und Indien. Wie haben Sie dieses Aufblühen eines Interesses für die Instrumente wahrgenommen, nachdem sie viele Jahre in der DDR relativ isoliert Maultrommeln gebaut haben?

AS: Für mich und meinen Vater war es lange Zeit nicht bekannt, dass es noch viele andere Maultrommelschmiede in der Welt gibt. Erst durch die Vernetzung unter den Maultrommelspielern und -herstellern seit den 2000er Jahren ist uns das Ausmaß der Verbreitung so richtig klar geworden. Dieser Austausch wurde übrigens auch durch das Engagement von Clemens Vogt und DAN MOI angeregt. Wir haben dadurch viele Maultrommelschmiede getroffen. Ein Konkurrenzdenken gibt es zwischen uns nicht, weil sowieso jeder Schmied seinen eigenen Stil hat, sein Material, seine Art und Weise die Instrumente anzufertigen. Das ergibt auch diese enorme Vielfalt.

HH: Tauschen Sie sich mit anderen Schmieden über die Details beim Bauen aus? Worauf kommt es an, wenn man eine richtig gute Maultrommel herstellen will? Was muss man beachten?

AS: Mich interessiert als Handwerker in erster Linie, was andere Schmiede anders machen. Das Ganze ist schon ein bisschen komplizierter, etwa wie das Glockengießen, das ist ja auch eine Wissenschaft für sich. Die Tonhöhe einer Maultrommel ist abhängig von der Länge der Feder. Desto länger, desto tiefer. Es ist auch abhängig von der Breite der Feder. Desto breiter, desto tiefer. Es ist abhängig von der Dicke der Feder, von der Härte der Feder und von dem Winkel am Ende der Feder, weil das wie ein Gewicht wirkt. Die Maultrommel klingt aber nur dann, wenn alle Faktoren optimal aufeinander abgestimmt sind. Ich probiere nach all den Jahren auch immer noch manchmal aus, was passiert z.B., wenn ich die Feder dünner mache. Wie ändern sich die Obertöne dann.

Andreas Schlütter und sein Vater Friedrich Schlütter bauen in ihrer Werkstatt nicht nur Maultrommeln, sondern auch Dudelsäcke, Schalmeien und Hirtenhörner.